Unsere erste Irlandreise

Gerade erst hatten sich die Teilnehmer aus dem ersten Anfängerkurs des IKM und einige fortgeschrittene Tänzer einer anderen Steppgruppe zur Tanzgruppe „Celtic-Rhythm“ zusammengeschlossen. Da bot uns Susanne als Organisatorin die Teilnahme an einer Irlandreise mit einwöchigem Stepptanzworkshop zusammen mit weiteren fortgeschrittenen Tänzern an. Die meisten von uns waren noch nie in Irland und die Gelegenheit, an einem Workshop mit einer irischen Tanzlehrerin teilzunehmen, wollten wir uns dann auch nicht entgehen lassen. Und so meldeten wir uns zu unserer ersten Irlandtour im September 2000 nach Tourmakeady mit der Tanzlehrerin Siobhan Kennedy an. Damals wussten wir noch nicht, dass dies Tradition werden würde. Die ersten Teilnehmer waren: Michaela und Thomas mit Sebastian, der noch keine 2 Jahre alt war, Andrea und Stefan, die zu der Zeit zunächst nur befreundet waren, die "unzertrennlichen" Sabine und Astrid sowie Jürgen H., Carola H., Gaby, Conny und die „dienstältesten“ Jürgen B. und ich.

Unsere Gruppe reiste gemeinsam von Charleroi in Belgien nach Dublin, wo wir von Susanne und Carola L. - vom kleinen Sebastian wegen ihrer roten Haare liebevoll Mupuckl (Pumuckel) genannt - erwartet wurden. Beide waren schon seit ein paar Tagen in Irland und wollten uns nach Tourmakeady begleiten. Am Flughafen nahmen wir unsere Mietwagen in Empfang, unter anderem auch einen VW-Bus. Als wir den Bus sahen, haben wir erst mal zur Sicherheit Fotos gemacht, denn da war kaum noch Platz für weitere Beulen. Uns wurde schon etwas mulmig bei diesem Anblick und entsetzt waren wir dann erst richtig, als wir die Tür aufmachten. Es roch, als hätten sämtliche Insassen zuvor das Autofahren nicht vertragen. Diesen Geruch wurden wir trotz täglicher Bearbeitung mit Raumspray und Geruchstilger (dessen Namen ich hier nicht nennen will) auch nicht mehr los. Leider stand kein anderer Bus zur Verfügung und für mehrere PKW hatten wir nicht genügend Fahrer.

Das Fahren in einem Fahrzeug, bei dem der Fahrer rechts sitzt und auf der linken Straßenseite fahren muss, ist ungewohnt. So nahm unser Bus auch erst einmal einen Palettenstapel mit, als wir vom Hof fuhren. Im Bus herrschte betretenes und ängstliches Schweigen. Vom Flughafen ging es zunächst zu einem kleinen Vorort von Dublin, wo Jorika und Carsten wohnten, die wir vom Irish-dance kannten und ein Jahr zuvor dorthin gezogen waren. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit den traditionellen Fish und Chips übernachteten Susanne, Mupuckl, Jürgen und ich bei Jorika und Carsten und alle anderen in B&B`s in der Nähe. So bekamen alle, die zum ersten Mal in Irland waren einen kleinen Eindruck davon, wie man dort lebt. Wusstet ihr z.B., dass in Irland die Häuser nicht wie in Deutschland leerstehend vermietet werden sondern voll ausgestattet, ähnlich wie eine Ferienwohnung?

Nach einem späten Frühstück (in Irland geht übrigens alles ohne Eile) machten wir uns dann auf den Weg nach Tourmakeady. Den Bus bestiegen wir mit gemischten Gefühlen, denn den unglücklichen Start vom Vorabend hatten wir noch im Kopf. Aber als wir die ersten 20 Kilometer unfallfrei hinter uns hatten, konnten wir entspannt die herrliche Landschaft genießen und die Vorfreude machte uns richtig euphorisch. Es ging quer durchs Land von Dublin bis oberhalb von Galway an die Westküste. Die Strecke war auch bis kurz vor Galway gut zu fahren und wir waren noch guter Dinge, obwohl schon etwas erschöpft von der stundenlangen Fahrt. Aber bis Tourmakeady war es ja nicht mehr weit – zumindest auf der Karte betrachtet. Doch inzwischen war es dunkel geworden, die Straßen wurden enger und schlechter, die Fahrt zog sich immer langsamer dahin und Susanne fand im Dunkeln die Straße nicht, die zum Hostel führte.  

Umso größer war dann unsere Freude, als wir endlich zu später Stunde ankamen. Das Haus war neu und hat viele kleine Zimmer in der oberen Etage, so dass wir uns höchstens zu viert ein Zimmer teilen mussten. Das Erdgeschoss hat eine offene Küche mit großem Essbereich, ein kleines Einzelzimmer, das wir als Vorratskammer nutzten und einen großen, gemütlichen Aufenthaltsraum. Außer uns wohnten dort keine weiteren Gäste. Die Zimmerbelegung war zuvor schon festgelegt und so hatten wir uns schnell eingerichtet, während Mupuckl für ein spätes Abendessen sorgte. In Tourmakeady trafen wir dann auch die frisch verliebten Pärchen Nina und Mario, Simone und Bernd, die den Workshop mit Urlaub verbunden hatten und in B&B`s in der Nähe unseres Hostels wohnten. Siobhan, die ein Zimmer im Haus der Hostelbesitzer bewohnte, hatte allerdings etwas Pech: Ihr Koffer war in ein Flugzeug mit anderem Ziel verladen worden und so hatte sie nur ihr Handgepäck. 

 
Am ersten  Morgen wurden wir durch ein alles durchdringendes, schrilles Geräusch aus der Küche geweckt und kamen nach und nach halb belustigt, halb erschreckt zusammengelaufen. Der beste Platz für die Inbetriebnahme eines Toasters ist doch immer direkt unter dem Rauchmelder. Aber hey, wo ihr schon mal da seid: Frühstück ist fertig! Dank eines zuvor von Susanne ausgeklügelten Plans für die Küchenarbeit wusste auch jeder genau, was er zu tun hatte und tat das dann auch – oder auch nicht. Das Kommando über die Küche hatte Mupuckl, assistiert von Thomas, da beide keine Tänzer sind. Also waren sie verantwortlich fürs Einkaufen, Kochen, Babysitten und schöne Ausflugsziele suchen.

Alle übrigen gingen nach dem Frühstück in den einzigen Pub am Ort. Dort fand der Workshop statt. Mit Blick durch das Panoramafenster auf eine herrliche Landschaft mit See und Schwarzkopfschafen konnten wir unsere Schritte üben, während uns die Sonne ins Gesicht schien – einfach genial. Danach ging es zurück zum Hostel: duschen, umziehen, Mittagessen, Küche sauber machen. Anschließend fuhren wir im Konvoi zu in der näheren Umgebung gelegenen Sehenswürdigkeiten. Thomas vorneweg, da er die Ausflugsziele kannte und alle anderen hinterher, als letztes der Bus. War der Bus vom ersten Fahrzeug nicht mehr zu sehen, wurde gestoppt, damit keiner verloren ging. Und so folgten alle dem führenden Fahrzeug: rein in den Kreisverkehr und eine Runde gedreht und noch eine. Kreisverkehr dicht, kein anderes Fahrzeug konnte rein. Okay, eine Runde drehen wir noch, dann fahren wir weiter. In den nächsten Ort, rechts ran - alle da? Fein, dann wenden wir mal. Ich wollte nur mal sehen, ob mir auch alle folgen. Auf diese Weise sieht man natürlich besonders viel von der Gegend!
                           
Von den Ausflügen zurückgekehrt gab es natürlich Abendessen und nach dem aufräumen der Küche folgte dann der ganz gemütliche Teil. Da der Ort sehr klein ist, hat man kaum Alternativen. Man geht in den Pub oder macht ein eigenes Unterhaltungsprogramm im Hostel. Für die Einheimischen waren wir die Attraktion. Der Ort ist so klein, dass dort nur wenige Touristen hinkommen und schon gar keine, die Stepptanz lernen wollen. Unermüdliche gingen erst in den Pub und schlossen sich dann noch den fortgeschrittenen Geselligkeiten im Hostel an. Spaß hatten wir allemal. Die Aktiveren holten im Esszimmer die mitgebrachten Spiele raus oder taten sich zum Singen oder aufarbeiten der Steppschritte zusammen. Die weniger Aktiven zogen sich mit Bier, Wein und Knabberzeug zu Gesprächen in den Aufenthaltsraum zurück, wo Bernd mit Kerzenbeleuchtung für romantische Stimmung sorgte. Das Highlight jeden Abends aber war Siobhan, die uns nach ihren Pubbesuchen mit gespielten Witzen unterhielt. Wir bekamen Seitenstiche vom Lachen. Meistens war auch noch die eine oder andere Gruselgeschichte dabei, die Siobhan noch dadurch verstärkte, dass sie sich nachts ins Haus schlich und die Bilder an den Wänden umhing. Wer sich ebenfalls ins Haus schlich, war der Hostelbesitzer: Kaum hatten wir morgens alle das Haus verlassen, kam er rein und stellte die Heizung ab. Wenn wir zurückkamen, haben wir sie wieder hochgedreht, damit er sie dann anschließend wieder abdrehen konnte.

Da der Workshop nur von Montag bis Freitag ging, konnten wir an den beiden Wochenenden ganztägige Ausflüge unternehmen. Wir schafften es sogar bis Kylemore Abbey. Teilweise ging es über kaum befahrene Straßen, wobei wir uns köstlich amüsierten über die Schafe und Kühe, die man förmlich mit dem Auto anschieben konnte, um sie zum Verlassen der Straße zu bewegen. Das Gras ist wirklich so grün und die Häuser in kleinen Dörfern so bunt, wie man es auf Postkarten sieht. Hügelige Felder, so weit das Auge reicht mit Burgen und Ruinen verfallener Häuser. Einfach atemberaubend sind die Hecken aus Fuchsien, die über der Straße zusammenwachsen und regelmäßig seitlich frei geschnitten werden, so dass man an vielen Stellen durch kleine rote Tunnel fährt. Und dann die Küstenstraßen: Kilometerweit geht es über schmale Straßen am Atlantik entlang mit Bergen oder Heidelandschaft an der anderen Seite, auf denen Schafe und Ziegen grasen und die Murmeltiere neugierig schauen, wer dort ihre Ruhe stört.

Es gibt so viel zu sehen, dass man gar nicht alles erfassen kann. Besonders beliebt waren dann auch die Fotostopps an allen Ecken und Enden, denen wir sehr schöne, durch diese Zeitverzögerung entstandene Aufnahmen von Sonnenuntergängen zu verdanken hatten.  Auf eines konnten wir uns auch immer verlassen: das Wetter. Während des Workshops war es herrlich sonnig, was einige dazu animierte, ganz cool mit Sonnenbrille zu tanzen. Aber kaum waren wir unterwegs, war die Sonne verschwunden und an den Wochenenden hat es dann auch geregnet. Aber das hat uns nicht davon abgehalten, die weitesten Ausflüge zu machen. Schlafen konnte man auch während der Fahrt, hauptsache die Fahrer waren fit. So ging es die Hügel rauf und runter und wir wurden ordentlich durchgeschüttelt, was bei einigen Schläfern für Beulen am Kopf sorgte. Auch auf den Videofilmen finden sich seltsame Geräusche, wenn es mal wieder mit Vollgas bergab ging. Das ist Achterbahn fahren pur mit wechselnder Landschaft - einfach herrlich.

In Erinnerung blieben uns vor allem auch die diversen Ausfälle beim Workshop. Siobhan wollte uns neue Schrittkombinationen im Jig-Rhythmus beibringen. Aber kaum hatte man ab dem dritten Tag eine weitere Schrittkombination mühsam erarbeitet, war die vom ersten oder zweiten Tag schon nicht mehr präsent. Es gibt Fotos vom Workshop, wo zunächst alle auf der Tanzfläche aktiv sind und später immer mehr an der Theke stehen und nur noch zugucken, weil sie nichts mehr auf die Reihe kriegen. Diesem Umstand verdanken wir übrigens eine von Siobhan maßgeblich beeinflusste Wortkreation, die aus dem bösen Wort mit Sch… entstanden ist. Siobhan, die zu dieser Zeit kaum deutsch sprechen konnte, suchte mit unserer Unterstützung nach weiteren Worten mit Sch…, um das böse Wort mit Sch… immer um ein weiteres zu verlängern. So entstand im Laufe der Woche das Wort: „Siobhans-schöne-Schlechtwetter-Schwarzkopfschaf-Scheiße-Schiebeschaufel“.

Während dieser Irlandtour konnte jeder seine Vorlieben voll ausleben. So gibt es z.B. von Mupuckl einen Wäschekorb voll Fotos während ich gefilmt habe, bis die Kamera heiß wurde. Bernd hat sämtliche Handys und Elektrokleingeräte repariert, Thomas hat uns in die entlegensten Winkel geführt und Wasserfälle gefunden, von deren Existenz keiner wusste. Gaby, Susanne, Michaela und Andrea haben uns gesanglich unterhalten und Siobhan, Susanne, Conny und Stefan waren jederzeit für Klamauk zu haben. Die übrigen haben stundenlang miteinander gequatscht oder wie Carola H. einfach nur alles still genossen. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit, die leider viel zu kurz war.

So waren wir uns alle einig: Das machen wir noch mal und hängen dann auf jeden Fall noch eine Woche Urlaub dran. Denn nur zwei Wochenenden und die Nachmittage reichen natürlich nicht aus, um sich im Land umzusehen. Es ist einfach viel zu schön dort und die Einheimischen sind ausgesprochen freundlich und pflegen gerne Kontakt mit den Touristen. So wurden schon bald wieder Pläne gemacht für eine weitere Irlandtour.

Same procedure as this year.